Berührung in den Pflege- und Therapieberufen aus einer interdisziplinären Perspektive
Approche centrée sur la personne
Cycle 8
Referierende: Martina King, ordentliche Professorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg, Bereich Humanities
Weiterbildungsdatum: Dienstag, 2. Juni 2026. 9:30-16:30
Preis: 190 CHF / StudentInen 120.-
Kurs- und Workshopbeschreibung
Der Seminartag beleuchtet die Bedeutung des körpernahen Arbeitens im heutigen Gesundheitswesen: Berührung, vor allem die ausgedehnte, umfassende Berührung des Körpers – wie etwa in der Osteopathie - ist in medizinischen Berufen heute zur Seltenheit geworden. Besonders in der technisierten Spitalmedizin hat sich eine Vielzahl an Apparaten und Technologien quasi zwischen ÄrztInnen und PatientInnen ‘geschoben’: Diagnostische Vorgänge werden an CT- und Ultraschallgeräte delegiert, man untersucht Körperflüssigkeiten im Labor und misst Frequenzen – aber man verwendet kaum mehr seine Hände, um den Körper, dessen Oberfläche und Organbereiche abzutasten.
Damit geht eine wesentliche Form der nonverbalen Kommunikation zwischen medizinischen ExpertInnen und PatientInnen verloren, die immer auch für Nähe und sprachloses Einverständnis sorgte. Dieser Verlust an physischer Unmittelbarkeit ist für viele Patienten in der heutigen Hightech-Medizin ein grosses Problem; er führt zu Gefühlen der Entfremdung und der Isolation, zur Erfahrung von Kälte und Alleingelassen-Sein. In dieser Situation stellt die Osteopathie mit ihrer Körpernähe eine grosse Ausnahme dar und hat insofern einen ganz besonderen, privilegierten Stellenwert, den wir im Seminar herausarbeiten wollen.
Dafür soll die Berührung in den Pflege- und Therapieberufen aus einer interdisziplinären Perspektive beleuchtet werden, die Medizingeschichte, Literatur und klinische Praxis miteinander verbindet. Was bedeutet und bedeutete Berührung für medizinische AkteurInnen, und was für PatientInnen?
1. Geschichte diskutieren
Zunächst wollen wir uns die geschichtliche Entwicklung anschauen. Sie reicht von paternalistischen Medizinern des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, den sogenannten ‚Halbgöttern in Weiss‘, die den Patientenkörper zwar ausgiebig berührten, aber dabei wie ein Schaustück behandelten und nicht auf die Gefühle der Betroffenen achteten – bis hin zu modernen Operationsverfahren mit Robotern, die ganz ohne jede menschliche Berührung auskommen. Sie reicht aber auch von konfessionell gebundenen Krankenschwestern im frühen 20. Jahrhundert, die den Patientenkörper in der Pflege nur für streng geregelte, autoritäre Rituale berührten - bis zu den heutigen körpernahen Therapieberufen wie Physiotherapie oder Osteopathie. Für sie steht die aufmerksame, sorgsame und umfassende Manualität wieder ganz im Zentrum.
2. Literatur gemeinsam lesen
Der zweite Teil des Tages bietet eine Auseinandersetzung mit literarischen Texten – sog. autobiographischen Illness Narratives, die Zugang zur gelebten Erfahrung der Patient:innen ermöglichen. Diese Berichte geben wertvolle Einblicke, wie Berührung wahrgenommen wird: als Präsenz oder Unterstützung, als störender Eingriff, als stille Sprache oder aber auch als etwas schmerzlich Abwesendes. Sie laden dazu ein, die Qualität der therapeutischen Beziehung und den empfindenden Körper in der Praxis eng aufeinander zu beziehen und sich klar zu machen, dass Berührung heute eine sehr wichtige und seltene Ressource im Gesundheitswesen ist.
Tagesprogramm
09:30–10:00
Begrüssungskaffee
10:00–11:00 (auf Deutsch, mit französischer Übersetzung)
Kurze Einführung in die Medical Humanities als Unterrichtsfach für Medizin- und Pflegeberufe durch Martina King, ordentliche Professorin an der naturwissenschaftlich-medizinischen Fakultät der Universität Fribourg
11:00–12:15
Interaktiver Vortrag und gemeinsame Diskussion zur Geschichte der körperlichen Berührung bzw. Manualität in den medizinischen Berufen seit dem späten 19. Jahrhundert
12:15–13:30
Mittagspause
13:30–15:30 (auf Deutsch, mit französischer Übersetzung)
Workshop mit ausgewählten Textauszügen aus literarischen Illness Narratives zur Thematik der Berührung.
In der gemeinsamen Lektüre wollen wir die eigene klinische Praxis als manuelle Therapeut:innen mit den eindrucksvollen Erlebnissen der AutorInnen in therapeutischen und diagnostischen Extremsituationen verbinden und Reflexionen über die Bedeutung der therapeutischen Berührung im Gesundheitssystem anstellen. Dieser Ansatz ist wesentlich, um die „Stimme“ der Patient:innen sowie ihre Erfahrungen und Erwartungen in Bezug auf Berührung – etwa bei Schmerzen oder in verschiedenen Krankheitsphasen – besser zu verstehen.
15:30–16:15 (zweisprachig)
Fragen, Diskussionen, Apéro und informelle Gespräche
Biographie Prof. Martina King
Medizinstudium, 15 Jahre Kinderärztin TU München. Studium der Germanistik u. Philosophie, 2008 Promotion (Göttingen) zu Rilkes Briefwerk, 2025/16 Doppelhabilitation in Germanistik und Medizingeschichte (Bern) zur Kulturgeschichte des Mikrobiellen in der Moderne.
Seit 2018 Lehrstuhl für Medical Humanities an der Medizinisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Fribourg, Ko-Optationen in Germanistik und in Zeitgeschichte.
Seit 2021 Mitherausgeberin Zeitschrift KulturPoetik und Buchreihe Medical Humanities (Schwabe)
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